Marc-Aurel, du hast einen Unfall miterlebt und überlebt. Was genau ist dir passiert?

Ein Freund und ich waren eines Nachmittags mit den Motorrädern unterwegs. Ich bin vorgefahren und er hinter mir her. Dann fuhren wir in eine Kurve rein. Ab da kann ich mich an nichts mehr erinnern. Mein Kumpel hat ausgesagt, dass ein Autofahrer mir in meiner Spur entgegengekommen ist. Und dass ich dann nach links ausgewichen bin, von der Straße abkam und gegen ein Schild knallte. Der Unfallgegner sagte etwas komplett anderes aus. Er behauptete, dass ich seine Spur geschnitten hätte. Wir gehen gerade vor Gericht und dann wird entschieden, wer Recht hat.

 

Der Prozess läuft noch?

Ja, wir haben gerade erst begonnen. 

 

Und dann bist du im Krankenhaus gewesen?

Ja, die haben mich mit einem Hubschrauber sofort ins Krankenhaus gebracht, wo ich dann auch gleich operiert wurde. Ich hatte mir den Oberschenkel zerschmettert, den linken und rechten Ober- und Unterarm gebrochen, einen Brustwirbel angebrochen und Gehirnblutungen. Nach dieser ersten großen OP kam ich auf die Intensivstation, da lag ich zwei Wochen im Koma und dann noch zwei Wochen im wachen Zustand. Danach ging es für mich auf die normale Station. Da lag ich zwei Monate. Anschließend bekam ich noch eine sechswöchige Reha bewilligt. Nach vier Monaten konnte ich dann wieder nach Hause.

 

Du kannst dich an nichts mehr erinnern? Hast du denn irgendwelche psychischen Folgen daraus mitgenommen?

Ich habe Alpträume gehabt. Auch noch lange nach dem Unfall. Ich träumte, dass mich jemand umbringen will. Das war richtig hart. Ich bin nachts schreiend aufgewacht.

 

Und wie geht’s dir jetzt?

Ich kann jetzt wieder laufen, das ist das wichtigste. Mein Bein ist zwar noch etwas steif, aber die Muskeln funktionieren. Mein Ellbogen ist ebenfalls steif und mein linker Arm funktioniert noch gar nicht. Aber der Brustwirbel ist wieder zusammengewachsen. Die Gehirnblutungen hatten keine Auswirkungen. Insgesamt waren es bis jetzt fünfzehn OPs, und da kommen auch noch welche.

 

Wie bist du wieder in dein Leben zurückgekommen? Wie hast du mit der neuen Situation umgehen können?

Ja, man ist auf jeden Fall ein ganz anderer Mensch. Das war eine große Umgewöhnung. Ich bin immer noch auf Hilfe angewiesen. Ich kann nicht alleine essen, nicht alleine duschen, mir die Haare kämmen oder die Zähne putzen. Ich musste mich komplett neu eingewöhnen.

 

Wer stand dir dabei zur Seite?

Gott, meine Freundin und jetzige Frau, meine Eltern und der Rest meiner Familie.

 

Hast du dich und/oder Gott gefragt, warum dir das nicht erspart geblieben ist?

Ja, schon. Und ich hab richtig lange auf eine Antwort gewartet. Ganz am Anfang hab ich angefangen, Gott zu fragen, was das soll, warum gerade mir das passieren musste. Dazu muss ich sagen, ich hab Theologie in Friedensau studiert. Dahin war’s aber ein richtig steiniger Weg. Ich wollte nämlich eigentlich immer etwas anderes machen. Aber ich wusste, dass Gott will, dass ich nach Friedensau gehen soll. Trotzdem habe ich mich dagegen gesträubt, hab verschiedene Sachen eingeschoben, hab das hinausgezögert. Doch letztendlich bin ich dann doch nach Friedensau gegangen – und dann kam ein knappes Jahr später der Unfall. Natürlich habe ich Gott dann gefragt, was das soll? Schließlich habe ich  doch das gemacht, was er wollte. Und dann passiert dieser Unfall.

Sehr lange bekam ich keine Antwort auf die Frage, warum Gott das zugelassen hatte. Aus Trotz kappte ich dann meine Beziehung zu ihm. Ich redete nicht mehr mit ihm und war wie ein kleines beleidigtes Kind.

Doch in der Reha änderte sich alles. Ich bekam von irgendeiner Person einen Bibeltext geschickt, gesagt oder geschrieben. Ich weiß es nicht mehr genau. Auf jedem Fall steht da drinnen, auch wenn ich nicht mehr genau weiß wo es steht, dass alles das, was denen passiert die Gott lieben, zum Guten dient. Ein Text, der sehr schwer zu verdauen ist, wenn man gerade durch das tiefste Loch seines Lebens geht. Anfangs verstand ich nicht, was Gott mir dadurch sagen wollte. Und ich wurde noch frustrierter. Aber mit der Zeit öffnete er mir die Augen. Gott zeigte mir, dass der ganze Unfall und alles was mit daran hing zu seinem großen Plan gehörte. Durch diesen Text gab er mir wieder Mut und Kraft. Ich fing an, auf das Gute zu hoffen und es zu suchen. Anfangs fand ich es nicht. Doch mit der Zeit wurde es mir immer klarer vor meine Augen geführt.

 

Zum Beispiel?

Ich habe gelernt, mich auf Gott zu verlassen. Ihm zu vertrauen und an ihm festzuhalten, auch wenn es gerade nicht so läuft wie ich es gerne hätte. Außerdem hat er meinen Charakter verändert und hat mir gezeigt, worauf es im Leben ankommt. Und zu guter Letzt hätte ich sonst niemals so schnell geheiratet. Dadurch, dass meine damalige Freundin und jetzige Frau jeden Tag für mich da war, mich unterstützte und mir das volle Ausmaß ihrer Liebe zeigte, war das der größte Liebesbeweis, den man als Mensch bekommen kann. Und das führte uns noch mehr und schneller zusammen.