The Ministry of Presence

 

Kaum eine Frage kann so verunsichern und so schmerzhaft sein: „Wo bist du?“ Mama, wo bist du? Mein Freund, wieso habe ich dich so lange nicht gesehen? Kind, wo steckst du? Bin ich dir nicht mehr wichtig? Habe ich etwas falsch gemacht? Haben wir uns so verändert, dass wir uns nichts mehr zu sagen haben? Ich brauche dich! „Wo bist du?“ Mehr als eine Frage, die nach einer Antwort sucht. Sie zeigt, was uns wichtig ist, wer uns wichtig ist. Sie zeigt, dass wir andere Menschen brauchen. Sie zeigt auch, dass wir von anderen gebraucht werden wollen. Liebe ohne den Anderen ist schlichtweg unmöglich.

Einfach da sein

Was können wir dem anderen schenken? Wie können wir unsere Freundschaft, Zuneigung und Liebe ausdrücken? Das schönste Geschenk von allen: du selbst. Lass dich mal wieder blicken. Auch wenn du viel zu tun hast. „Wir müssen nicht überragend, redegewandt oder Bibelgelehrte sein. Die wahrhaft größte Begabung als Freund ist es, erreichbar zu sein. Komm einfach vorbei – und schon übst du den Dienst des Daseins aus.” (Dr. Stephen Davey, zum Ministry of presence). Jesus hatte viel zu tun. Und doch war er da. Für seine Freunde. Für andere. Nichts war ihm wichtiger als Gottes Wille: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Matthäus 26,39). Gottes Wille ist das, was ihn antreibt. Daher war er stets unter Menschen. Er hat sich selbst gegeben. Er hat sich hingegeben. Letztlich kommt das nirgendwo so zum Ausdruck wie am Kreuz. Seine Botschaft hat er gesprochen und gelebt: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben gibt für seine Freunde” (Johannes 15,13).

Hauptrolle oder Nebenrolle

Du spielst die Hauptrolle in deinem Leben. Niemand sonst. Du kümmerst dich darum, zu lernen und gesund zu bleiben. Du bist es, der deine Gaben und Fähigkeiten auslebt und kultiviert. Niemand weiß, was in dir schlummert, was an Reichtum in dir steckt. Vielleicht nicht einmal du. Sicher gibt es Menschen, die das Talent haben, dich anzuspornen, zu fördern und zu fordern. Die besten Lehrer, Erzieher, Eltern oder Freunde sind nicht die, die etwas in dich hineinlegen. Es sind die, der etwas aus dir herausholen. Um genau zu sein, es sind die, die dir helfen, dass du etwas aus dir herausholst. Gesegnet ist der Mensch, der so ein Umfeld hat. Menschen, die dir etwas zutrauen und dir helfen, du selbst zu sein. Manchmal sind wir mit unserer Hauptrolle so beschäftigt, dass wir leicht all unsere Nebenrollen übersehen, die wir im Leben anderer spielen. Welche Nebenrolle übernehmen wir dort? Haben wir ein Talent, die andere Person anzuspornen, zu fördern und zu fordern? Sind wir jemand, der nicht so viel hineinlegt, sondern einer Person hilft, selbst etwas aus sich herauszuholen? Gesegnet ist dieser, wenn er von Menschen wie dir umgeben ist. Menschen, die ihm etwas zutrauen und ihm helfen, er selbst zu sein.

Etwas für andere Menschen tun

Worum geht es eigentlich, wenn ich mich für andere einsetzen will? Um die anderen. Um wen denn sonst? Wirklich? Manchmal hat dieses Verlangen eine doppelte innere Dynamik. Unsere Motive sind nicht immer nur die edelsten. Der folgende Text hat mich persönlich so inspiriert und herausgefordert, dass er über Schreibtisch an der Wand steht: „Mehr und mehr wächst in mir das Verlangen, einfach umher zu gehen, Menschen zu grüßen, ihre Heime zu betreten, an ihren Türschwellen zu sitzen, Ball zu spielen, Wasser zu trinken und als jemand bekannt zu werden, der mit ihnen leben will. Es ist ein Vorrecht, die Zeit zu haben, diesen einfachen Ansatz von ‘ministry of presence’ auszuleben. Und doch ist das gar nicht so einfach, wie es scheint.

 

Hier findest du den vollständigen Originaltext:

https://takingeachthoughtcaptive.wordpress.com/2014/03/04/henri-nouwen-and-the-ministry-of-presence/

 

Vita: Marco Knorr (35) braucht immer etwas länger. Er glaubt an die Philosophie „Es ist nie zu spät”. Wurde im Alter von 28 Jahren getauft. Kündigte nach 10 Jahren den Beruf und begann mit 30 noch ein Studium in Friedensau.