Wie christlich kann politisches Handeln sein?

Frank Heinrich, verheiratet, 4 Kinder, studierte  Sozialpädagogik in Freiburg sowie Theologie in Basel und arbeitete anschließend bei der Heilsarmee. Seiner inneren Berufung folgend wurde er Politiker. Seit 2009 hat er das Bundestagsmandat (CDU/CSU) für den Wahlkreis Chemnitz inne.

 

 

Frank, du hast seit 2009 dein Bundestagsmandat (CDU/CSU) für den Wahlkreis Chemnitz inne. Wofür setzt du dich als Mitglied im Bundestag ein?

Für Menschen! Priorität für mein Team und mich haben die Menschen in Chemnitz, denn dort wurde ich gewählt. In meinen beiden Ausschüssen (Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe (Anm d. Red.)) kann ich viel für Menschen tun, andere wichtige Themen sind Afrika und Kinder. In den Ausschüssen habe ich Aufgaben, da gibt es zusätzliche Themen wie das Menschenrecht auf Wasser, Religionsfreiheit und der Einsatz gegen Folter.

 

Du bist Theologe und Politiker zugleich. Beißt sich das nicht?

Es beißt sich so wenig wie Zahnarzt und Politiker, solange ich nicht als Zahnarzt meine Kollegen im Plenum behandeln will. Das heißt: Theologe ist mein „Zivil-Beruf“ und den kann ich nicht gleichzeitig mit meinem Mandat ausüben, jetzt bin ich Abgeordneter, nicht Pastor. Meine Einstellung als Christ und Theologe bringe natürlich auch ich im Bundestag ein, dafür wurde ich ja gewählt.

 

Sind Christen die besseren Politiker?

Nein. Auch keine besseren Menschen. Christen haben hoffentlich ein paar Dinge durch ihre Beziehung zu Gott gelernt, sie haben Werte und sollten etwas von Vergebung verstehen, was man in der Politik durchaus gebrauchen kann. Der Bezug zu Gott kann entlasten. Aber man kann sich als Christ auch selbst im Wege stehen, weil der eigene Blick verengt ist oder man sich zu wenig kompromissbereit zeigt. In der Präambel unserer Verfassung steht: „In der Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Diese Verantwortung ist die Grundlage einer guten Politik. Für Christen und Nichtchristen.

 

Welche Rolle spielt der christliche Glaube in deinem Alltag als Politiker?

Eine entscheidende Rolle, der christliche Glaube ist mir sehr wichtig. Dabei geht es mir gar nicht so sehr um das Formelle, also „was“ ich glaube, sondern um die Beziehung zu diesem Jesus. Die spielt für mich eine existenzielle Rolle. Es prägt mein Leben und mein Gewissen. Wenn ich gelogen habe, kann ich deshalb nicht gut schlafen. Was gegen mein Gewissen geht, mache ich nicht mit. Die meisten Aufgaben im Bundestag sind jedoch so neutral abzuwägen, wie ein Zahntechniker seine Entscheidungen trifft. Ich möchte solidarisch handeln, mein Bestes geben und Menschen eine Stimme geben, die sonst keine Stimme haben. Das ist meine Motivation als Christ. Inwiefern ich dabei einen Unterschied zu anderen Politikern mache, die keine Christen sind, das kann ich nicht beurteilen.

 

Viele Christen wachsen mit der elterlichen Weisung auf, sich aus der Politik fern zu halten, da sie den Charakter verderbe. Ist „Politiker sein“ ein gefährlicher Beruf?

Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem das zwar nicht so gesagt, aber tatsächlich gedacht wurde. Aber der eigentliche Vorwurf ist ja: Geld und Macht verderben den Charakter. Meine Antwort auf die Frage ist: Jein. Das bedeutet, Politik kann gefährlich sein – wie viele andere Jobs auch. Jeder kann Steuerbetrüger werden oder Machtmissbrauch in seinem Team betreiben. Wer sein Rückgrat bewahrt und seinem Charakter folgt, für den ist diese Arbeit nicht gefährlicher als ein anderer Beruf. In der Politik ist es vielleicht zugespitzter, gerade weil man sehr in der Öffentlichkeit steht. Ich finde aber, dass man als überzeugter Christ Politiker sein kann.

 

Wo kann es deiner Meinung nach für Christen in der Politik zu Gewissenskonflikten kommen und wie gehst du persönlich damit um?

Es gibt im Jahr vielleicht fünf oder zehn Entscheidungen, die tatsächlich mit dem Gewissen zu tun haben. Das muss man zunächst für sich klären, und dann zu seiner Fraktion, seiner Partei oder seinem Umfeld ehrlich sein, und sagen, dass man mit einer Entscheidung nicht mitgehen kann, und manchmal sogar dafür kämpft, dass es anders gemacht wird. Das hat bis dato für mich funktioniert, ich konnte meine ethischen Werte vertreten.

 

Sollten sich Christen deiner Meinung nach mehr oder weniger in der Politik engagieren, als sie das jetzt tun und warum (nicht)?

Ganz klar: mehr. Natürlich kann sich nicht jeder Christ stärker einmischen. Aber diejenigen, die sich einmischen, sollten ruhig mutiger sein. Christen sollten Christen auch unterstützen. Nicht immer gleich einen Strick aus Entscheidungen drehen, die er nicht versteht. Man kann sagen: „Ok, ich kann das zwar selbst nicht machen, ich kann das auch nicht verantworten, aber wenn du den Ruf hast - ich halte dir den Rücken frei, sei es durch Gebet, durch Unterstützung oder durch – konstruktive! - Kritik.“ Wenn man Kritik anbringt, dann sollte sie objektiv sein, nicht verurteilend.

 

Was sind dir bekannte Gründe, weshalb Christen meinen, sich nicht in der Politik engagieren zu müssen?

Zum einen sind es immer noch das Elternhaus oder die Gemeinde, die gesagt hat, es sei ein „dreckiges Geschäft“. Das hemmt die Motivation. Mögliche Gründe sind aber auch, dass man selbst keinen Bezug zur Politik hat. Das heißt, man hat nie die Nähe dazu gehabt und möglicherweise auch nicht die Begabung. Man muss ja nicht gleich in der Bundespolitik beginnen, sondern vielleicht mit dem Einsatz für Gefangene oder die Umwelt, und das kann man auch im Verein machen, z.B. beim B.U.N.D. für Umweltschutz oder bei Amnesty International für Menschenrechte.

 

Was rätst du Jugendlichen konkret, die politisch aktiv sein möchten? Auf welcher Ebene können sie damit anfangen?

Das sind verschiedene Ebenen. Man sollte schauen, wofür das eigene Herz schlägt, und was es dort in dem Bereich braucht. Ist es mein Stadtviertel? Ist es eine Brücke? Ist es ein Gefangener? Was immer es gerade sein mag: Man sollte zunächst schauen, wer sich dafür einsetzt und diese Gruppen besuchen. Bei den ersten vier Sitzungen sollte man schweigen, einfach nur lernen, Gespräche und Diskussionen aufnehmen, die Struktur verstehen usw. Das könnte beispielsweise eine parteipolitische Jugendorganisation sein, in der man sich dann ein halbes bis dreiviertel Jahr mit an den Tisch setzt. Es können auch andere Jugendorganisationen sein, wo man einfach abtastet, was einem entspricht – gar nicht mal vom Parteiprogramm her, sondern von den Leuten in der Stadt. Dann sollte man seinem Herzen folgen. Aber auf jeden Fall sollten sie mehr Verantwortung übernehmen, und sei es als Klassen- oder Schulsprecher.

 

Was wünscht du dir für die aktuelle politische Situation in Deutschland? Hast du einen politischen Traum, der noch zu verwirklichen wäre?

Darauf kann ich nur anfangen zu antworten. Denn ich habe in ganz vielen Bereichen ganz viele Träume. Ich hoffe sehr, dass es noch in dieser Generation bzw. in diesen Jahren gelingt, tradierte Armut zu überwinden. Wenn eine Familie arm ist, kann man fast sicher sein, dass die Armut in der nächsten Generation weitergetragen wird. Das würde ich gerne abbauen. Ein weiterer mir sehr wichtiger Punkt ist der Zugang zu Bildung. Dieser ist zwar in vielen Bereichen unserer Gesellschaft gut, jedoch leider noch nicht in allen Bereichen. Ich wünschte mir, dass wir in Deutschland für unsere Auslandsfreundlichkeit bekannter wären. Wir sind an vielen Stellen freundlich zu Menschen mit Migrationshintergrund, an anderen sind wir es gar nicht - und in der internationalen Öffentlichkeit haben wir an dieser Stelle nicht immer den besten Ruf. Ich wünsche mir, dass wir in Bezug auf Menschen und die Zusammenarbeit mit anderen Ländern nicht nur wirtschaftlich denken („Wer oder was nützt uns etwas“), sondern werteorientiert denken und handeln. Das sind Herzensanliegen, aus denen sich dann konkrete politische Ziele ergeben.

 

Für das Erreichen deiner politischen und persönlichen Ziele wünschen wir dir alles Gute. Vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview führte Kristin Erdmann.